Es gibt sie noch, die feinen Unterschiede

Kultur und Bildung sind keine herrschaftsfreien Räume. Das Programm „Kultur für alle“ berührt gesellschaftliche Machtinteressen, für eine Umsetzung solcher Forderungen muss man kämpfen, meint Elitenforscher Michael Hartmann. Zugleich hat sich die Kultur der Eliten pluralisiert.

Herr Hartmann, wer gehört heute zur Elite?

Im strengen Sinne ein ganz kleiner Kreis, etwa 4.000 Leute – die Inhaber von Spitzenämtern und die Eigentümer von großen Unternehmen. Wenn man den Begriff weiter fasst, verzehnfacht sich die Zahl, dann gehören auch Landgerichtspräsidenten oder Staatssekretäre auf Länderebene dazu, die Inhaber mittelständischer Unternehmen oder Teile der deutschen Professorenschaft. Nimmt man noch solche Kriterien wie Großbürgertum oder Bürgertum hinzu, kommt man auf etwa 3,5 Prozent der Bevölkerung oder knapp drei Millionen. Das sind klassischerweise auch die Konsumenten der deutschen Hochkultur.

Es gibt in Deutschland aber mehr Gebildete.

Durch die Bildungsexpansion seit den 1970er Jahren ist ihr Anteil auf rund 15 – 20 Prozent gewachsen. Dadurch haben sich einige gesellschaftliche Grenzen verschoben. Das klassische mächtige Bildungsbürgertum funktioniert seitdem nicht mehr, also die akademischen freien Berufe wie Rechtsanwälte, Ärzte, Apotheker, Professoren, hohe Richter. Früher war ein Oberstudienrat ganz selbstverständlich Teil des städtischen Bürgertums. Heute besteht ein Drittel der Siemens-Belegschaft aus Hoch- und Fachhochschulabsolventen – sie sind im Betrieb die stärkste Einzelgruppe. Die Zahl der Akademiker hat also zugenommen, zum anderen gibt es eine Spreizung der Einkommen. Als Anwalt können Sie heute mehrfacher Millionär sein, aber auch am Existenzminimum leben. Ähnliches gilt für niedergelassene Ärzte. Zum dritten gibt es veränderte Rahmenbedingungen. In Zeiten der Globalisierung hat die Arbeitsbelastung generell zugenommen, die Zeit, in der man sich neben dem Beruf kulturellen Dingen zuwenden kann, hat sich reduziert.

Trotzdem ist Bildung ein Distinktionsmerkmal geblieben?

Unterschiede sind natürlich immer noch vorhanden, nur sind die Hierarchien schwerer erkennbar. Bildungsabschlüsse oder die Ausübung eines bestimmten Berufes allein taugen als entscheidende Kriterien nicht mehr. Man muss genauer hinschauen, wenn man die feinen Unterschiede in der Gesellschaft benennen will. Etwa: wer kann in eine der großen Wirtschaftskanzleien einsteigen? Ohne familiäre Bezüge sind die Chancen dafür außerordentlich gering, es sei denn, man verfügt über ein besonderes Spezialwissen, das gerade nachgefragt ist.

Keine feinen Unterschiede ohne familiäre Bezüge?

Man kann natürlich versuchen, soziale und kulturelle Unterschiede durch einfaches Abfragen zu ermitteln. Etwa, wer geht wie häufig in die Oper usw. Schwerer wird es, wenn es um qualitative Unterschiede geht. Nach meinen Erkenntnissen ist das zentrale Erkennungsmerkmal die Souveränität im Umgang. Die Fähigkeit, sich so zu verhalten, dass man signalisiert „Ich gehöre zu Euch“. Ein solch selbstverständlicher Umgang mit Kulturgütern stellt sich nur ein, wenn Sie sich von Kindesbeinen an in dieser Umgebung bewegen und wissen, was wie wichtig ist. Das ist quantitativ überhaupt nicht zu erfassen. Das können Sie nur beobachten oder durch intensive Interviews erfragen.

Dieser Habitus ist über Bücher oder Ausbildung nicht erlernbar?

Diese Art der Souveränität können Sie nicht über Rhetorik-Kurse oder als Soft Skills lernen, auch wenn die Unübersichtlichkeit im kulturellen Feld zugenommen hat.

Vor gut vierzig Jahren wurde von Kulturpolitikern wie Hermann Glaser und Hilmar Hoffmann das Programm ”Kultur für alle“ formuliert. Eine eher rhetorische Forderung?

Der Anspruch als solcher ist sicherlich ebenso richtig wie die damalige Einordnung von „Bildung als Bürgerrecht“ durch Ralf Dahrendorf. Man muss sich nur darüber im Klaren sein, dass mit solchen Fragestellungen gesellschaftliche Machtinteressen berührt werden. Für die Umsetzung solcher Forderungen muss man kämpfen. Kultur und Bildung sind keine herrschaftsfreien Räume. Denn insbesondere über Kultur oder die Teilhabe an bestimmten kulturellen Ereignissen werden Unterschiede in einer Gesellschaft definiert. Bayreuth und Salzburg seien hier nur als Beispiele genannt.

In der aktuellen Diskussion wird stets das Verbindende und Integrierende von Kultur betont.

Zugleich ist Kultur in der Politik auch zu einer sehr beliebigen Floskel geworden, mit der man fast alles abdecken kann. Dabei wird zu leicht das Trennende von Kultur vergessen. Alle, die sich beispielsweise für die Hochkultur stark machen, legen auch Wert auf dieses Distinktionsmerkmal.

Distinktion wogegen?

Die gesellschaftlichen Gruppen, die über die Hochkultur Bescheid wissen, siedeln sich in ihrem Wertekanon in der Regel höher an als diejenigen, die von dieser Kultur keine Ahnung haben. Die werden mit dem Bild des Hartz IV-Prolls karikiert, der sich im Fernsehen täglich daily soaps reinzieht. Mit dieser Unterschicht will man nichts gemein haben, man will sich von ihr auch nicht nur qua Geld oder Vermögen abgrenzen.

Im Fernsehen werden auch Opern übertragen.

Arte oder 3sat sind für diese Kreise sicher akzeptabel. Sogar Pop kann als Kultur durchgehen, wenn eine Rockband in der Philharmonie auftritt. Pop kann aber auch Trash sein. Was wertvolle Kultur ist, entscheidet sich letztlich durch ihre Einstufung in der kulturellen Hierarchie. Hier sind die Maßstäbe heute nicht mehr so eindeutig wie vor 50 Jahren, aber im Kern immer noch die gleichen wie damals.

Zum Beispiel?

Wenn eine großbürgerliche Familie diskutiert, ob eines der Kinder beruflich im kulturellen Bereich tätig werden soll, wird es kein Problem geben, wenn es um den Bereich Klassische Musik geht. Ob Gesang, Geige oder Klavier – alles ist anerkannt. Problematischer ist die Absicht, Schauspieler oder Schauspielerin werden zu wollen, selbst wenn eine klassische Bühnenkarriere angestrebt wird. Noch umstrittener ist die Bildende Kunst.

Wie wichtig sind solche hierarchische Zuordnungen?

Eliten denken nicht einheitlich, aber Trennungslinien sind immer wichtig. In der Bildungspolitik gibt es beispielsweise die These von der bildungsunwilligen Unterschicht, gegen die sich die Bildungs- und Leistungsbewussten zur Wehr setzen müssen. Ein aktuelles Beispiel ist der Streit um die Hamburger Schulreform, in der die besseren Kreise das Gymnasium als Stätte von Bildung und Kultur gegen das moderne, vermassende Schulsystem verteidigen. Hier tritt nicht nur  das alte Bürgertum an, sondern auch Teile der Bildungsaufsteiger der sechziger und siebziger Jahre. Sie wollen den erreichten Status für ihre Kinder verteidigen. Vor dem Hintergrund der schärfer werdenden gesellschaftlichen Auseinandersetzungen soll Bildung als Unterscheidungsmerkmal erhalten bleiben. Sicher spielt auch die Angst vor dem gesellschaftlichen Absturz eine Rolle.

In der aktuellen Krise geht es nicht nur um Schulpolitik, sondern auch um den Erhalt der kommunalen Infrastruktur, um Schwimmbäder und Theater.

In der Regel sparen Kommunen eher an Dingen, die dem Durchschnitt der Bevölkerung zur Verfügung stehen als im Bereich Hochkultur. Die Krise muss schon tief sein, bis sie die Oper erreicht. Nach dem Motto: was der Kultur und den Kulturinteressierten dient, muss gerettet werden. Wenn man Kulturinstitutionen verteidigt, sollte man zunächst einmal deutlich machen, dass die Rettung eines Schauspiels nicht per se wichtiger ist als die einer Kita oder eines Schwimmbades. Letztere schaffen für die ärmeren Teile der Bevölkerung oft erst die Voraussetzung, an Bildung und Kultur teilzuhaben.

Das kulturelle Angebot ist in den letzten Jahrzehnten gewachsen, die Nutzung durch die Gesellschaft hat sich diversifiziert. Die Opernfans werden immer älter, das Kino gewinnt an Reputation …

Ein Prozess, den man auch bei den Eliten beobachten kann. Vor zehn, zwanzig Jahren war nach meinen Beobachtungen Hochkultur als Distinktions- und Unterscheidungsmerkmal bei der Wirtschaftselite hoch angesiedelt. Für die Wirtschaftsmanager der Jahrgänge 1930 – 1950, die jetzt langsam in Rente gehen, war Kultur wesentlich. In ihren Porträts betonen sie, dass sie zur Entspannung Geige oder Klavier spielen, dass sie malen oder Kunst sammeln. Diese klassische Hochkultur hat in der Generation, die heute zwischen 45 und 55 ist, an Bedeutung verloren. Ein Grund hierfür war sicherlich, dass sich die schulischen Lehrpläne Ende der 1960er Jahre massiv verändert haben. Der klassische Kanon der Gymnasien mit Goethe, Schiller, Shakespeare verschwand, ohne dass zunächst etwas verbindlich Anderes gekommen wäre.

Wie und wo positioniert sich denn diese neue Generation?

Wenn Sie heute nach Hobbys fragen, steht bei den Selbstdarstellungen von Spitzenmanagern Sport zunehmend im Mittelpunkt. Dabei ist das typische Muster Golf, Segeln, Ski fahren, Reiten aufgebrochen. Sie finden Manager, die Squash spielen, Snowboarder, Fallschirmspringer, Karate-Leute. Siemens-Chef Peter Löscher ist dem FC Barcelona familiär verbunden und war mal Kapitän der österreichischen Volleyball-Nationalmannschaft. Oder der Metrochef Eckhard Cordes wurde mit Spandau 04 deutscher Wasserballmeister. Dieser Wandel hat wahrscheinlich auch mit dem Berufsalltag der Leute zu tun. Bei den Belastungen einer 60- oder 70-Stundenwoche hilft Sport eher, fit zu bleiben.

In den USA spielt der Sport seit langem diese herausragende Rolle. Ein Vorbild?

Nein, in Deutschland ist der Sport ganz anders organisiert als drüben. Dort hat er für unser Thema diese Bedeutung, weil es ihn nur in zwei Varianten gibt – entweder als Profisport oder eben an Schulen und Hochschulen. Dort entsteht ein wesentlicher Teil des Wir-Gefühls über die wichtigen Sportmannschaften. An US-Elite-Unis haben übrigens nicht etwa Professoren die am höchsten dotierten Positionen inne, sondern die Trainer dieser Teams. Der Sport wirkt sogar in die Sprache des US-Managements hinein. Sie finden dort eine Menge Begriffe, die aus dem Sport übernommen wurden.

Sport als „Hochkultur“ der USA?

In den USA hat es nie ein Bildungsbürgertum gegeben. Wenn man sich die Hobbys amerikanischer Spitzenmanager anguckt, lag Hochkultur schon immer eher hinten – ganz im Unterschied zu Großbritannien und Frankreich. In diesen beiden Fällen ist Hochkultur wichtig, wenn auch auf andere Weise. In Frankreich hat es unter Spitzenmanagern Tradition, selbst Bücher zu schreiben oder doch zumindest auf dem Cover als Autor ausgewiesen zu sein. In Großbritannien gibt es dagegen ein schon traditionelles Faible für Gartengestaltung. Für die britische Wirtschaftselite sind Gardening, Rosenzucht usw. ein ganz wichtiges Hobby. Auch Gartengestaltung kann also ein Teil von Hochkultur sein. Man darf das nicht so eng sehen wie in Deutschland.

Nach Ihren Untersuchungen ist vor allem die deutsche Wirtschaftselite sozial sehr homogen zusammengesetzt, wird sich der Trend zur kulturellen Pluralität halten?

Ich bin da eher skeptisch. Die eben angesprochene Generation ist von den 1970er Jahren geprägt worden, einer Zeit, in der sich nicht nur in der Kultur sehr viel bewegt hat und viele Definitionen in Frage gestellt worden sind. Inzwischen kann man von einem konservativen Rollback sprechen. Die Repräsentanten und Verfechter der Hochkultur drängen wieder sehr viel stärker auf Abgrenzung und bemühen sich um die erneute Installation eines verbindlichen hochkulturellen Kanons. Aber es gibt natürlich nach wie vor auch andere Möglichkeiten der Distinktion, bei denen Hochkultur keine Rolle spielt.

Michael Hartmann ist Professor für Soziologie am Fachbereich Gesellschafts- und Geschichtswissenschaften der TU Darmstadt. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Elite-, Management- und Bildungssoziologie im internationalen Vergleich, Globalisierung sowie nationale Wirtschaftskulturen. Neuere Veröffentlichungen:

Der Mythos von den Leistungseliten. Spitzenkarrieren und soziale Herkunft in Wirtschaft, Politik, Justiz und Wissenschaft. Frankfurt a.M./New York 2002: Campus

Elitesoziologie. Eine Einführung. Frankfurt a.M./New York 2004: Campus (Übersetzung: The Sociology of Elites. London/New York 2006: Routledge)

Eliten und Macht in Europa. Ein internationaler Vergleich. Frankfurt a.M./New York 2007: Campus

Ein ausführliches Gespräch mit Michael Hartmann finden Sie hier

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