Mehr als Kulturlobbyismus

Kulturpolitik verliert ihre sozialstrukturelle Basis, meint Norbert Sievers, Geschäftsführer der Kulturpolitischen Gesellschaft. In Zukunft ist mehr als nur Kulturlobbyismus notwendig.

Herr Sievers, ist Kulturpolitik heute noch Gesellschaftspolitik?

Diese Frage kann man nur beantworten, wenn klar ist, was mit dieser Aussage ausgedrückt werden sollte. Meines Wissens war es Alfons Spielhoff, der legendäre Dortmunder Kulturdezernent der 1960er Jahre und Mitgründer der Kulturpolitischen Gesellschaft, der diese Programmformel in einem kleinen Aufsatz für die Frankfurter Hefte interpretiert hat – in der Diktion der damaligen Zeit. Für ihn war Kulturpolitik untrennbar mit der Demokratisierung der Gesellschaft durch Kultur verbunden und ließ sich nicht darauf „beschränken, beispielsweise den Zugang zu einer in ihrem Wert absolut gesetzten Kunst zu verbessern“. Vielmehr sollte sie „Kunst zu einem Bestandteil des demokratischen Lebensprozesses machen“. Es ging ihm also um eine Kultur für alle und von allen. Es ging ihm um die Frage der Verteilungsgerechtigkeit der öffentlichen Kulturmittel und um gleiche Lebenschancen und Lebensqualität ganz allgemein. Diesen gesellschaftspolitischen Ansatz sehe ich heute so nicht mehr in der Kulturpolitik.

Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Das Problem liegt wohl darin, dass wir heute im kulturpolitischen Diskurs keinen auf die Zukunft ausgerichteten Gesellschaftsbegriff mehr haben, jedenfalls keinen, der sich im Sinne eines politischen Programms oder einer politischen Idee instrumentieren ließe. An die Stelle der Demokratisierungsidee ist einzig das ökonomische Wachstum getreten, das uns Arbeit und Wohlstand sichern soll, was aber immer weniger gelingt. Auch die Vorstellung, dass Politik die Gesellschaft gestaltet, hat an Glaubwürdigkeit eingebüßt. Wenn aber der Begriff der Gesellschaftspolitik keine Begeisterung mehr auslöst und kein politisches Engagement mehr erzeugt, verliert auch eine Kulturpolitik an emphatischer Qualität, die sich damit in Verbindung bringt. Die Formel transportiert dann nur noch die Botschaft, dass Kulturpolitik wohl irgendwie wichtig ist. Das ist aber entschieden zu wenig, wenn es wie aktuell um Verteilungsfragen geht. Kulturpolitik muss die Fragen nach ihrem gesellschaftlichen Sinn und ihrer politischen Legitimation präziser beantworten und genauer sagen können, was für wen warum wichtig ist.

Stellt sie sich dieser Herausforderung nicht?

Vielleicht versucht sie es. Aber wahrgenommen wird etwas anderes. Nehmen wir die aktuelle Krise der öffentlichen Finanzen. Ein kulturpolitisches Argument, das in der Kürzungsdebatte immer wieder vorgebracht wird, lautet: Wir dürfen keine Kultureinrichtung schließen, denn damit wird sie für immer verschwinden, eine Neueröffnung zu einem späteren Zeitpunkt ist undenkbar. Mit anderen Worten: Es muss bleiben, was ist. Eine solche Argumentation ist doch armselig, wenn sie nicht zumindest mit einem Hinweis gestützt wird, warum uns der Erhalt einer Einrichtung so viel wert sein soll. Das können nur noch wenige Kulturpolitiker auf den Punkt bringen. Die Öffentlichkeit wartet aber auf solche Erklärungen und dies zu Recht. Die Kulturpolitik muss schon inhaltlich überzeugendere Argumente vortragen als nur das der Bestandserhaltung.

Welche gesellschaftspolitischen Überlegungen sollte die Kulturpolitik einbeziehen?

Es sind zunächst einmal die alten Ziele einer demokratischen Gesellschaft: Freiheit und Pluralität, Gerechtigkeit und Sicherheit. Aber auch die Verantwortung für den Frieden und die Umwelt, ebenso für die Lebensqualität und die Steigerung der Glücksmöglichkeiten der Menschen. Alle diese Fragen sind kulturell und in Grenzen auch kulturpolitisch interpretierbar. Allerdings müssen sie vor dem Hintergrund der gegenwärtigen gesellschaftlichen und globalen Entwicklung neu gestellt werden. Um nur einige offensichtliche Themen anzusprechen: Wie verändern Digitalisierung und Internet das Leben der Menschen? Welche neuen kulturellen Orientierungen erwachsen daraus? Was bedeutet die demografische Entwicklung für die Kulturpolitik? Was folgt aus der Tatsache, dass immer weniger Menschen einen Normalarbeitstag leben können? Welche Bedeutung hat die Erosion familiärer Netzwerke für die kulturelle Sozialisation? Diese Fragen haben eine unmittelbare Relevanz für die Kulturpolitik.

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