Die Mitte machts

Neue Kulturpolitik heute bedeutet, für mehr Gleichheit in der Gesellschaft einzutreten. Außerdem: Gleichheit macht auch glücklich.

In den Anfängen der Neuen Kulturpolitik wurde einst als ein zentraler Anspruch formuliert, jeden Bürger „grundsätzlich“ in die Lage versetzen zu wollen, kulturelle Angebote „in allen Sparten und in allen Spezialisierungsgraden“ wahrzunehmen. Auch „einkommensspezifische Schranken“ sollten abgeschafft werden. „Weder Geld noch ungünstige Arbeitszeitverteilung, weder Familie noch Kinder noch das Fehlen eines privaten Fortbewegungsmittels dürfen auf Dauer Hindernisse bilden“, forderte der Frankfurter Kulturdezernent Hilmar Hoffmann Ende der 1970er Jahre. In gängige soziologische Termini übersetzt wurden damit Ziele einer „Mittelstands-“ oder auch „Arbeitnehmergesellschaft“ beschrieben, deren Kitt das Versprechen eines möglichen (bescheidenen) Aufstiegs wie ein möglichst egalitäres, wohlfahrtsstaatliches Versorgungsangebot waren. In der Existenz einer breiten Mittelschicht sah man das wirtschaftliche, soziale und kulturelle Zentrum der gesellschaftlichen Stabilität. Das von dem konservativen Soziologen Helmut Schelsky zur Beschreibung der deutschen Zustände geprägte Wort von der „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ hat die Wahrnehmung und Selbstwahrnehmung der deutschen Gesellschaft entscheidend geprägt, auch wenn der Reichtum keineswegs auch nur annähernd gleich verteilt war und die Aufstiegschancen sich in Grenzen hielten.

Wenn heute über die kulturpolitische Bilanz der letzten Jahrzehnte und ihre Perspektiven nachgedacht wird, ist eher Zurückhaltung angesagt. Damals habe man am liebsten darüber diskutiert, „wohin es geht“ und entsprechende „Richtungen, Strategien und Zukunftsentwürfe“ thematisiert, heute stehe eher die Frage „Wie geht es weiter?“ auf der Agenda, so etwa der Dortmunder Kulturdezernenten Jörg Stüdemann. Dabei kann man durchaus auf einige Erfolge verweisen. Seit den Tagen Hilmar Hoffmanns hat sich die Zahl kultureller Einrichtungen vom soziokulturellen Zentrum übers Theater bis hin zum Museum vervielfacht. Das Know How in Management- und Organisationsfragen hat ebenso zugenommen wie die Aufmerksamkeit in der veröffentlichten Meinung. Auch die Kulturetats sind keineswegs gesunken. Allerdings war das kulturinstitutionelle Wachstum nicht mit der entsprechenden Zunahme der Kulturinteressierten selbst begleitet. Einschlägige Untersuchungen belegen, dass der harte Kern der Nutzer öffentlicher Kultureinrichtungen je nach Umfrage wie in den 1970ern unverändert zwischen zwei und fünf Prozent der Bevölkerung liegt.

Seiten: 1 2 3 4 5

Schlagworte: , , , , , , ,