Kunst allein reicht nicht mehr!

Für mehr Bereitschaft auch zur sozialen Verantwortung in der Kulturpolitik plädiert Kurt Eichler, Vorsitzender des Fonds Soziokultur.

Kann die Kulturpolitik soziale Verantwortung wahrnehmen? 2010, im Europäischen Jahr des Kampfes gegen Armut und soziale Ausgrenzung, gewinnt diese Frage eine besondere Aktualität. Dass Kunst und Kultur eine aktive gesellschaftliche Funktion haben, ist spätestens seit den 70er Jahren mit der Formulierung einer neuen Kulturpolitik und ihren Konzepten einer „Kultur für alle“ Gemeingut. Seitdem hat sich der Kanon der kulturellen Einrichtungen und Angebote differenziert und vervielfacht; die Entstehung der soziokulturellen Szene mit ihren Initiativen und Projekten hat Stadtteile und Zielgruppen als Adressaten künstlerischer Arbeit erschlossen und die aktive Teilhabe der Bürger am kulturellen Leben ermöglicht. Institutionen wie Theater und Museen haben sich geöffnet, durch kulturpädagogische Programme insbesondere junge Menschen erfolgreich angesprochen, auch wenn sie einen Verlust ihres traditionellen Publikums zu beklagen haben. Dennoch ist zu konstatieren, daß auch nach 40 Jahren neuer Kulturpolitik der „kleine Kreis der Kenner“ nicht wesentlich erweitert werden konnte und das kulturelle Kernpublikum immer noch nur 5 und 10 % der Bevölkerung ausmacht. Zudem markieren sozialer Habitus und kulturelle Symbolik die „feinen Unterschiede“, durch die sich diese kulturelle Klasse vom Rest der Welt abhebt. Soziale Distinktion geht mit kultureller Ausgrenzung einher.

Trotz früher Versuche ist es nicht gelungen, die sozial schwächeren Bevölkerungsschichten in das kulturelle Leben einzubeziehen. Und dies ist – entgegen landläufiger Meinung – eben nicht nur dem Zusammenhang zwischen Bildungs- und Sozialstatus geschuldet. Rund zwei Drittel der Bevölkerung sind gar nicht im Fokus der kulturellen Institutionen und der Kulturpolitik, noch nicht einmal als potentielle Kulturnutzer. Die Zugangsbarrieren stellen nicht nur Bildung, Mobilität und soziales Umfeld dar. Umfragen der letzten Zeit belegen die zunehmend restriktive Wirkung steigender Eintrittsgelder für Kulturveranstaltungen. Wer auf den Preisaushängen z.B. der Theater- und Konzerthäuser an erster Stelle Beträge von 50 Euro und mehr wahrnimmt und selbst die niedrigsten Gebühren mittlerweile das Mehrfache der vielfach zitierten Kinokarte erreichen können, steigt in das Kulturleben gar nicht erst ein. Für die wirtschaftlich schwachen Bevölkerungsgruppen erscheinen andere Optionen anziehender, unterhaltsamer, sozial verlässlicher und – finanziell günstiger.

Hang zur Dinstinktion

Es wäre zu fragen, ob nicht sogar der Kulturbetrieb selbst unbewusst dem Hang zur Distinktion folgt, indem er immer neue Hypes und ästhetische Stilisierungen inszeniert, die nur noch von denjenigen verstanden werden, die die Codes entschlüsseln können. Alltags- und soziokulturelle Zugänge zur Kunst haben es angesichts dieses Erfindungsreichtums immer schwerer, sich mit „Events“ im Kampf um Fördermittel zu behaupten. Die Kommunen, auf die diese Breitenkultur überwiegend angewiesen ist, leiden unter der Finanzkrise. Ihre Sparlogik trifft oft die Angebote, die den Durchschnitt der Bevölkerung erreichen können. Der Rückzug aus der Fläche, die Reduzierung von niederschwelligen Angeboten, die Konzentration auf die „Hochkultur“ erzeugt einen Verlust an sozialer Breitenwirkung und Empathie auf Seiten der Kulturmacher.

Diese „kulturelle Vernachlässigung“ wird vielleicht weniger von den ärmsten Schichten selbst, aber durchaus von der wirtschaftlich bedrohten Mittelschicht wahrgenommen, die ja immerhin zum Kreis der potentiellen Kulturnutzer gehören. Angesichts ihres nicht eingelösten Versprechens, alle Menschen erreichen zu wollen, schwindet die gesellschaftliche Legitimation der Kulturpolitik – soweit der der Befund. Doch was ist zu tun?

  • Brauchen wir dauerhafte Partnerschaften zwischen Kulturinstitutionen und Arbeitswelt, Bildung, Sozialem und Jugendhilfe?
  • Brauchen wir mehr kulturelle Grundversorgung auf Kosten der Hoch- und Eventkultur?
  • Brauchen wir den massiven Ausbau breitenkultureller Programme in den Kultureinrichtungen selbst?
  • Brauchen wir eine konsequente Dezentralisierung der kulturellen Angebote und Dienstleitungen, um möglichst nah bei den Menschen und ihrer sozialen Umgebung zu sein?
  • Brauchen wir Kulturfördersysteme, die finanzielle Gratifikationen an messbare sozial-kulturelle Maßnahmen und Erfolge binden?

Dies mögen für Künstler und Kulturmacher provokative Fragestellungen sein, aber der Verweis auf die Autonomie der Kunst ist nur noch bedingt mehrheitsfähig. Kulturpolitik muss aktiv soziale Verantwortung übernehmen – eine soziale Funktion kam ihr sowieso schon immer zu. Denn Armut ist zwar primär ein materielles Problem, aber nicht ausschließlich. Die Frage kann nicht lauten: Kultur oder Armutsprävention, sondern vielmehr: Wie kann die Kultur – ebenso wie andere Politikfelder – ihren sozialen Auftrag (wieder) erfüllen?

Kurt Eichler ist Vorsitzender des Fonds Soziokultur und im Vorstand der Kulturpolitischen Gesellschaft. Sein Beitrag erscheint demnächst in Heft 6 (Juni) von DEMO. die Monatszeitschrift für Kommunalpolitik. Die Ausgabe ist ab dem 3. Juni erhältlich.  Mehr zu DEMO

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