Illusion oder konkrete Utopie

„Urteilen können die Bürger der Demokratie selbst“, befand Pius Knüsel auf dem Schlusspodium von Shortcut Europe 2010. Die Zeit sei reif für eine Transformation: „Kulturpolitik verzichtet auf ihren wertautoritären Anspruch, den sie an eine bestimmte Kunst bindet. Sie öffnet sich hin zu allen Kulturen, ohne zu urteilen.

Kultur für alle – Illussion oder konkrete Utopie?

Als ich 2002 zu Pro Helvetia kam, der staatlichen Schweizer Kulturstiftung, landete ich mitten in einem Grabenkrieg. Auf der einen Seite die Vertreter der Kunst, gruppiert nach Sparten und in der Überzahl, auf der anderen Seite die Vertreter der Soziokultur, zusammengedrängt in einer Abteilung namens Kultur und Gesellschaft. Der Kampf ging darum, ob der Soziokultur noch ein legitimer Platz zukomme in der Kulturförderung, die eigentlich Kunstförderung sei. Es ging um die Deutungshoheit über „Kultur“ und den Zugriff auf die Ressourcen.

Pro Helvetia hatte den Einsturz der bürgerlichen Elfenbeintürme und das Interesse an der Alltagskultur in der ersten Hälfte der 80er Jahre genutzt, um in die Soziokultur zu investieren. U.a. kurvte das Kulturmobil, eine Art mobile Infrastruktur, durch Regionen und Bergtäler, um der dortigen Bevölkerung zu helfen, sich zu emanzipieren. Wovon, ist rückblickend schleierhaft. Doch „Kultur für alle“ lautete das Motto. Und mit „Kultur von allen“ sollte es gelebt werden: als Erweckung der stadt-, also kulturfernen Bevölkerung. Ende der 90er verlor die Soziokultur an Ansehen. Die Mobilisierung des Bürgers zum Fast-Künstler hatte wenig Ergebnisse hervorgebracht, welche aus künstlerischer Sicht überzeugten. Der partizipierende Bürger machte Kultur für sich, nicht für die anderen. Das war langweilig für die Umstehenden, habe ich gestern an der Bundesakademie für kulturelle Bildung in Wolfenbüttel gelernt. Der Kunstsektor, der sich unter dem Druck des Punks die Demokratisierung der Kultur auf die Fahnen geschrieben und so an Beachtung und finanzieller Zuwendung zugelegt hatte, machte die Luken wieder dicht. Die erste emanzipierte Generation am Kopf der Institutionen wollte von weiterer Emanzipation nichts wissen. Aus dem politischen wurde ein ästhetisches, also ein selbstreferentielles Projekt. Die Auflösung der Differenz zwischen Kunst und Alltag (oder Gesellschaft) konnte langfristig nicht im Interesse der Kunstsphäre und der sie leitenden Eliten liegen. Der Ausflug ins Parterre der Gesellschaft hatte eine Menge ästhetischer Inspiration geliefert, das musste genügen.

Seiten: 1 2 3 4

Schlagworte: , , , , , , ,