Illusion oder konkrete Utopie

Professionalismus

Das war die Geburtsstande des Professionalismus. Professionalität hielt als Kriterium von Förderwürdigkeit im Projektbereich durchgehend Einzug, bei Pro Helvetia, bei Kommunen, bei Ländern, auch bei den Institutionen. „Professionell“ rekurrierte auf eine künstlerische Ambition und eine klare Trennung der Sphären Kunst und Alltag, auf einzig durch Ausbildung und Praxis im relevanten Feld zu erlangende Kompetenzen und die Teilhabe am richtigen Diskurs. Dies vor allem. Derart inszenierte die Kunstwelt einen Selbstreinigungsprozess; ihr Meister Proper hiess „Freiheit der Kunst“, also Freiheit von jeder politischen und sozialen Zweckbestimmung. Als Ergebnis wurde die Soziokultur bei uns in die Sozialdepartement verschoben, wo sie ihre eigenen Blüten erlebte, eigene Finanzierungsmuster entwickelte und heute Quartierarbeit und Integration leistet, das aber berührungsfrei zur Kunstwelt (vgl. zur Geschichte der Soziokultur auch den Abriss von Bernd Wagner, „Soziokultur – Tradition und Qualifizierung“, in KulturManagement Newsletter, April 2010, www.kulturmanagement.net).

2005 veranstaltete Pro Helvetia schliesslich einen Kongress unter dem Titel „Professionalisierung – Fluch oder Segen?“ Max Fuchs hielt das Eingangsreferat, und er zitierte Pierre Bourdieu: „Kunst und Ästhetik sind keine Medien, mit denen man Gemeinschaftlichkeit herstellen kann, sondern es sind Medien des Unterscheidens.“ Die Soziokultur, so Fuchs, müsse einsehen, dass dieses „eherne Gesetz“ der Distinktion auch für sie gelte. Sie erreiche zwar andere Menschen als die Hochkultur, aber eben auch nicht alle. So komme ich allmählich zur Antwort auf die Titelfrage. „Kultur für alle“ ist aus heutiger Sicht eine Banalität. Dazu drei Überlegungen.

  1. Entweder ist „Kultur für alle“ ein Pleonasmus in dem Sinne, dass jeder Mensch ohnehin Kultur hat, weil er gar nicht ausserhalb einer Kultur geboren sein kann. Auch wenn uns einige Kulturen Sorgen bereiten.
  2. Oder, 2., dann ist der Slogan versorgungstechnisch gemeint im Sinne von: Wir brauchen soviel Kultur, dass es für alle reicht. In dem Fall erledigt sich die Titelfrage genauso. Wir haben, Sie wissen das, mehr als genug Kulturprodukte im Angebot. Die Utopie hat uns eingeholt. So sehr, dass der Wert des kulturellen Angebots laufend sinkt, während die Kosten steigen. Möglich, dass einige den Eingang zum deutschen Theater nicht finden. Doch muss man deutsches Theater verstehen, um in Deutschland glücklich zu sein? Muss man Pipilotti Rist lieben, um in der Schweiz heimisch zu sein?
  3. Denken wir uns schließlich zu „Kultur für alle“ das Mitgemeinte hinzu, nämlich „Hochkultur für alle“, dann klingt aus dem Leitmotiv der 70er Jahre der verständliche Zorn der Revolutionäre, die öffentlichen Gelder und die Privilegien gerechter zu verteilen. Aber es klingt auch die Anmaßung der einen (der Elite) heraus, den anderen (der Masse) zu sagen, was „wahre“ Kultur ist. Die Anmaßung der Hochkultur, die Massenkultur als Unkultur, den Pop als Kommerz zu deklassieren.

Das Ergebnis? Nach wie vor favorisiert die Kulturpolitik eine intellektuelle Hochkultur, welche 90% der Mittel absorbiert, aber immer dieselben 5% der Bevölkerung begeistert und dieselben 45% zu lauem Interesse erweckt. Die Hälfte (in der Schweiz, anderswo redet man von zwei Dritteln) bleibt außen vor. Sind sie deshalb Banausen? Oder war der Slogan eine Verirrung? Auch 1969 waren alle Bürger dieses Landes in eine Kultur geboren. Offenbar viele in die falsche. Dieses politische Konzept von „Kultur für alle“ setzt eine Wertedifferenz voraus, welche ideologisch fundiert ist. Und mit der Autorität staatlicher Verwaltung durchgesetzt wird. Europäische Kulturpolitik ist deshalb grundsätzlich autoritär. Sie fällt laufend Urteile, sie unterscheidet unter dem Titel Qualität oder Gehalt zwischen wertvoll und banal – sie orientiert sich nicht am Prinzip einer möglichst offenen, Anden Interessen der Subjekte oder der Nachfrage orientierten Produktion, sondern macht viele zu Bürgern zweiter Klasse. Und verabreicht ihnen anschließend Soziokultur als Rehabilitationsprogramm.

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