Illusion oder konkrete Utopie

Bitte keine Beglückung

Doch solche Beglückung muss auf Dauer scheitern. Unter den Bedingungen der Diktatur sowieso, aber auch unter den Bedingungen der Demokratie. Weil die Politik eine fundamentale Differenz setzt, die, würde sie nicht gesetzt, nicht relevant wäre. Sie diagnostiziert, damit politisches Handeln angezeigt ist, einen Teil der Gesellschaft als defizient. Gesellschaft aber ist nicht statisch; Werte und Begriffe ändern laufend (weshalb die Politik immer zu spät kommt).

Wir haben vorhin schon von Bourdieu gehört, dass zur Dynamik einer jeden Gesellschaft gehöre, dass sie ununterbrochen neue Gruppen und Klassen hervorbringt, und dass Kultur das essentielle Mittel dieser laufenden Ausdifferenzierung sei. Die Identifikation wird auch ästhetisch umgesetzt. Das erleben wir heute mit den Migranten auf unübersehbare Weise, aber auch an den vertrauten sozialen Strukturen können wir es nachvollziehen. Die Menschen wollen gar nicht sein wie alle. Das Recht auf Unterschiedlichkeit ist ein wesentlicher Bestandteil demokratisch verfasster Freiheit. Es gibt 1000 Varianten, deutscher oder schweizerischer Bürger zu sein. Und man kann darin sogar sehr erfolgreich sein, ohne am Kultivierungsprogramm teilzunehmen. Diese Ausdifferenzierung in kulturelle Vielfalt passiert jenseits staatlicher Förderung – eher ist es die Förderung, die diese Vielfalt hemmt, weil sie normativ eingreift.

Boris Groys, Kunstwissenschaftler zu Karlsruhe, sagte letztes Jahr in der Süddeutschen, er könne sich „leicht eine Gesellschaft vorstellen, in der die Elite ausschließlich aus Ungebildeten besteht. Bildung kostet sehr viel Zeit und Kraft. Sie lenkt eigentlich vom Erfolg ab.“ Die amerikanische Kulturindustrie verdankt ihren weltweiten Erfolg genau dem Umstand, dass sie den Kritiker als Instanz eliminiert hat. Sie hat dadurch eine integrative Kraft (sogar auf globaler Ebene, auch in China und Brasilien träumt man amerikanisch) entwickelt, von der Europa nur träumen kann. Wir hingegen schaffen uns erst das Problem (low-high), welches wir durch die Suche nach seiner Lösung verstetigen.

Erfreulicherweise ändert diese Erkenntnis nicht an der Sinnhaftigkeit soziokultureller Arbeit, sofern sie dem Individuum als Instrument der Sozialisation und Akkulturation (oder Dekulturation) dient, sofern das unter dem Titel „kulturelle Freiheit“ geschieht!

„Kultur für alle“ gehört als Programm zur Vergangenheit. Das Angebot ist unglaublich reich und dank Digitalisierung in den hintersten Winkeln greifbar. Jetzt liegt es an den freien Bürgern, es zu nutzen. Wenn sie es das nicht wollen – sind sie ihm Unrecht oder wir, die wir dann mangelnde Vermittlungsarbeit beklagen? Eine Arbeit, die übrigens viele Anliegen der Soziokultur der 80er Jahre wieder aufnimmt. Mit einem wichtigen Unterschied: Diesmal spielt das Programm top down, damals war es bottom up angedacht. Wenn wir an der Pforte zum Paradies stehen, was wollen wir dann noch? Ich vermute, wir, die Kulturverwalter, Kulturförderer, Akteure der Soziokultur, wir wollen vor allem, dass sich nichts ändert. Wir sind Teil der gesellschaftlichen Elite; wir bestimmen den Kulturbegriff, an dem Gelder hängen. Denn würden die Bürger sich tatsächlich durchs Band für Kultur interessieren, die Theater stürmen und die Museen besetzen, ihr eigenes Ding drehen, wir hätten nichts mehr zu tun. Die Uneinlösbarkeit unserer Utopie ist ihr größter Wert. Sie gibt uns Brot.

Und wenn es die Geschichte zulässt, dass die Elite ausgewechselt wird, dann wird die Differenz einfach neu gesetzt. Solches erlebten wir 1968, solches erlebte Deutschland 1989, bald wird die Digitalisierung ähnliche Konsequenzen haben. Auch die Aussonderung der Soziokultur aus der Hochkultur in den 90er Jahren war exakt eine solche Grenzziehung. Ändert sich etwas, wenn wir den Slogan umdrehen zu „Kultur von allen“? Auch so klingt er nach Kurzschluss. Wenn aus dem Leben selbst Kunstkultur wird, würde die Welt furchtbar langweilig. Denn damit würde die Kunst verschwinden. Ich kann mir diese Gesellschaft nicht vorstellen, höchstens als Gefängnis. Deshalb möchten nicht einmal die Couch Potatoes, dass ihre Couch zur Installation aufgewertet würde.

Oder war mit „Kultur von allen“ Respekt für die Kultur aller gemeint? Das führt mich zu einem interessanten Punkt. Die von allen geteilte Kultur haben wir längst – den Mainstream, der den Archetypen der Gegenwart Gestalt verleiht, der kollektive Träume auf den Punkt bringt, der verbindende Kraft entfaltet.

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