Illusion oder konkrete Utopie

Perspektive Pop

Allein, genau dieser Mainstream bildet das Schreckbild der Kulturpolitik. Er ist die Masse. Kunst aber ist Individuum. Deshalb stuft die Kulturpolitik ihn zurück. Schade. Denn die Folge ist, dass er zu drei Vierteln nicht auf unserem Mist wächst, sondern von der amerikanischen Kulturindustrie geliefert wird. Hier liegt ein gigantisches Potential brach, dem Kulturpolitik sich zuwenden müsste. Nicht in der Vertikalen, also einer Umverteilung von oben nach unten und von unten nach oben, sondern in der Horizontalen muss sie denken. Sie tut es zwar zaghaft unter dem Titel „Kreativindustrie“, aber alles weißt darauf hin, dass sie den Pelz waschen will, ohne ihn nass zu machen. Weiter als bis zu einem ängstlichen Flirt hat sie es bisher nicht gebracht. Der Einstieg in eine wirkliche Kulturindustrie würde den aktuellen Kulturbetrieb auf den Kopf stellen, das braucht Mut. Denn in der Kulturwirtschaft geht es zuletzt darum, Erfolg zu haben und Geld zu verdienen. Doch genau das erzeugt soziale Kohäsion, weil das Erfolgsmodell universell ist, jedem verständlich. Es gäbe, man kann das an den USA sehen, ein kulturelles System von hoher innerer Diversität, hohem Identifikationspotential und dauerhafter Innovation. Damit es läuft, muss der Staat es antreiben – er wäre nicht überflüssig, aber er würde keine Differenz mehr setzen.

Doch davon sind wir weit entfernt. Das Feuilleton dankt zwar Schritt für Schritt ab. Und die Institutionen erwirtschaften bloß noch 10 bis 20% ihrer Mittel selbst – viel zu wenig für die Zukunft. Allerorten drohen Schnitte von 10, 15, 20%. Doch nichts passiert. Alle beschwören den Staat, mehr Geld aufzuwerfen. Eine chancenlose Beschwörung.

Es ist Zeit für eine Transformation. Vielleicht diese hier: Kulturpolitik verzichtet auf ihren wertautoritären Anspruch, den sie an eine bestimmte Kunst bindet. Sie öffnet sich hin zu einer Politik, welche jede Kultur als Ausdruck von Gegenwart sieht und diese im Zusammenhang des gesellschaftlichen Geschehens deutet, ohne zu urteilen. Urteilen können die Bürger der Demokratie nämlich selbst. Das hieße: Orientierung am Publikum und Abbruch der Wertehierarchien. Kultur ist ein übergreifendes System, und der Staat muss nur dafür sorgen, dass es in Bewegung bleibt. Dazu muss er die Voraussetzungen schaffen, damit kulturelles Unternehmertum blühen kann. Denn Bürger mit Visionen sind die Motoren der Entwicklung, nicht die Verwalter des Wohlwollens. Im subventionierten System sind die Plätze knapp, werden immer knapper. Deshalb müssen wir den Übergang zu einer selbst finanzierenden Kulturproduktion schaffen. Diese impliziert ein soziales Aufstiegsmodell mit künstlerischen Mitteln, Wettbewerb, Konkurrenz der Ideen am Markt, selbst verdientes Geld. Wie grässlich, wie faszinierend!

Dafür brauchen wir neue Instrumente jenseits von Künstler- und Projektförderung, mehr in Richtung Förderung kultureller Jungunternehmen, vorteilhafter Rahmenbedingungen, Steuererleichterungen, Urheberrechtsklärungen. Es braucht den Mut zum kommerziellen Erfolg. Und es braucht die Beteiligung neuer Eliten an jener Macht, welche Ressourcen zuteilt – der Eliten der eingewanderten Kulturen, der Traditionalisten, der Laien, der Unterhaltung, der Wirtschaft, der technischen Innovation. Ganz nach dem Motto „Alle für die Kultur“. Vielleicht werden die soziokulturellen Zentren in diesem Prozess zu Trainingsstätten künftiger Kulturunternehmer, welche Fähigkeit und Freiheit kombinieren. Zu Parks kultureller Start-Ups. Zu Motoren einer Kultur, welche die Menschen nicht nur kritisch befähigt, sondern unternehmerisch, zu den Hubs der post-institutionellen Gesellschaft. Das wäre meines Erachtens das dauerhafteste und flexibelste Programm gegen soziale Ausgrenzung. Jeder kann’s probieren, viele versuchen’s, einige schaffen’s.

Pius Knüsel ist Direktor der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia. Die Stiftung hat einen vierfachen Auftrag: die Erhaltung und Wahrung der kulturellen Eigenart der Schweiz unter besonderer Berücksichtigung der Volkskultur; Förderung des kulturellen Schaffens, gestützt auf die Verhältnisse in den Kantonen sowie in den Sprachgebieten und den Kulturkreisen; die Förderung des Kulturaustausches zwischen den Sprachgebieten und den Kulturkreisen der Schweiz; und die Pflege der kulturellen Beziehungen mit dem Ausland. Mehr hier

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