Kulturelle Strategien und soziale Ausgrenzung

Rainer Treptow diskutierte  auf der Tagung „Shortcut Europe“, welche Chancen zur Teilhabe Kulturarbeit vermitteln kann.

Die Frage „Was kann Kulturarbeit leisten?“ in den Kontext kultureller Strategien und sozialer Ausgrenzung zu stellen, macht eine Doppeldeutigkeit sichtbar. Die einfache, wohlmeinende Auslegung wird sicherlich den Beitrag von Kulturarbeit für die Entwicklung von Strategien nachzuweisen versuchen, um soziale Ausgrenzung zu erkennen und zu verringern. Die andere, kulturarbeitskritische Lesart, wird sie selber bereits als Teil kultureller Strategien sehen und ihren eigenen Anteil an der Entstehung sozialer Ausgrenzung suchen wollen. Beide Zugänge schließen sich nicht aus. Kann es nicht sein, dass die Kulturarbeit in eine Kluft zu ihren eigenen Absichten und Selbstverständnissen geraten kann und soziale Ausgrenzung mit befördert, mindestens soziale Ungleichheit reproduziert? Kulturarbeit geriete dann, zugespitzt formuliert, zum exklusiven Bildungsprojekt von Wenigen, die an der Festigung des eigenen Codes arbeiten, den nur sie, gleichsam als Eingeweihte deuten können. Und wenn es so wäre: müsste sie sich nicht dazu „bekennen“ und zugleich alles darein legen, den Zugang zu diesem Projekt der Wenigen für Viele offen zu halten? Oder wäre es umgekehrt angemessener, nämlich möglichst viel zu bieten, damit aber vielleicht ohne Kontur, beliebig und neutralisiert zu werden?

Die Spannbreite dieser Fragen beruht auf der Beobachtung, dass Angebote der Kulturarbeit voraussetzungsvoll sind. Sie als Teilhabechance überhaupt erkennen und aktiv aufzugreifen, setzt bei den Adressaten voraus, dass sie in ihren eigenen Handlungs- und Deutungsrahmen aufgenommen und als entsprechend wichtig begriffen wird. Wer diese Voraussetzungen etwa aufgrund des Bildungs- und Deutungshintergrunds, aufgrund von Zeit- und Geldnot oder aufgrund von individuellen Einschränkungen nicht „mitbringt“, ist entweder auf einen schrittweise angelegten, gleichsam nachholenden Bildungsprozess angewiesen, der bereits vor oder während der kulturellen Aktivität erworben wird, oder steht auf Dauer vor der Schwierigkeit, mit ihr nichts anfangen zu können. Aber soziale Ausgrenzung bedeutet wesentlich mehr.

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