Kulturelle Strategien und soziale Ausgrenzung

Kulturarbeit als Mittel

Kess vorweg gefragt: Wann sind Sie zuletzt als Adressat eines Bühnenstücks, einer Musikaufführung, eines Buches so verändert worden, dass an Ihnen jene Wirkung sichtbar vollzogen wurde, die Kulturstrategen anstreben? Die Themenfrage, was sie leisten kann, stellt Kulturarbeit in den Zusammenhang mit kulturellen Strategien und sozialer Ausgrenzung. Damit ist zunächst ein Ausgangspunkt gewählt, der Kulturarbeit als Mittel begreift. Denn Strategien nutzen Mittel, um benennbare Ziele zu erreichen. Wer von Strategien spricht, bekennt sich dazu, Wirkungen erzielen zu wollen. Kulturarbeit aber, die auf Wirkung zielt, riskiert die Verstimmung derjenigen, an denen die Wirkung vollzogen werden soll: denn die bemerken die Absicht. Sie mögen bereitwillig mittun,  aber Kulturarbeit riskiert noch mehr: wegen geringerer Beobachtungsmöglichkeit nachhaltiger Wirkung riskiert sie mal eine Selbstunterschätzung, mal aber auch eine Selbstüberschätzung, die – eben durch das Strategie-Interesse – eine verengte Sicht auf die Chancen kultureller Arbeit erzeugt. Man braucht gar nicht die inzwischen leicht ins Komische rutschende Frage wiederholen, ob Musik, Literatur, Tanz, Theater „etwas verändern“ können, um das Steuerungsinteresse von Kulturpolitik und Kulturschaffenden zu bemerken. Der dringende Wunsch der Kulturschaffenden nach „Relevanz“ und Resonanz, nach Widerhall und Wirkung ihres Tuns trifft auf  den Eigensinn der Lebenswelten, die sich zustimmend, beflissen und änderungsbereit zeigen können – oder aber desinteressiert, kritisch und ablehnend. Diese Spannweite ist in einer Demokratie nicht bloß als Hemmnis kulturpädagogischer Absichten Weniger zu begreifen, die den Vielen Teilhabe anbieten;  sie ist vielmehr ausdrücklich erwünscht, tragen Qualitätsunterschiede doch erst zur kulturellen Dynamik, zur Herausbildung von kritischer Urteilskraft bei.

Folgt man also nicht der – doch recht mechanischen – Auffassung von strategischem Einsatz von Kulturarbeit, so ist daran zu erinnern, dass diese Form sozialer Kommunikation immerhin von Agenturen des Strategischen begleitet werden, die auf einen ganz erheblichen Wirkungsgedanken fußen, auf impact von anderer Gewichtsklasse, als es die Gehalte der Kulturarbeit in der Regel sind: gemeint sind die Medien Geld, Recht und Macht. Aber auch diese Steuerungsmedien, wie sie genannt werden, rufen nicht immer die Wirkung hervor, die sie sollen, wie viel weniger kann es denn die Kulturarbeit, die es auf  Stärkung eigener Urteilskraft, eigener Willensbildung, eigener Geschmackdifferenzierung ihrer Adressaten anlegt, kurz: die darauf beruht, die Beteiligten zu überzeugen und sich ihrer Kritik auszusetzen?

Gleichwohl wird Kulturarbeit nicht auf Zielsetzungen verzichten können,  sagen wir auf das Ziel, nicht nur Sozialkritik zu üben, sondern auch praktisch beizutragen, soziale Ausgrenzung von Menschen zur verringern. Die Theorie hat dafür einen Begriff vorgesehen, der an einem allgemeinen, und nicht nur für Wenige privilegiertes Zugangsrecht zu Kultur ansetzt: Soziale Kulturarbeit. Eine weitere Steigerung: um jene Gruppen in den Blick zu nehmen, deren Lebenslauf starke Benachteiligungs- und Ausgrenzungserfahrungen  aufweist, wäre der noch zweckgerichtetere, kontroverse Begriff kulturelle Sozialarbeit zu nennen. Er bezeichnet in der Hauptsache die Unterstützung durch Prozesse kultureller Aneignungs- und Ausdruckstätigkeit und bildet eines von mehreren Elementen des empowerment. In dieser Lesart dient Kulturarbeit als Mittel, um Menschen in besonderen Situationen des Ausgeschlossenseins, der Benachteilung, auch des Zum-Schweigen-Gebracht-Worden-Seins zu stärken, am kulturellen Leben teilzunehmen. Sie sollen Ausdrucksmöglichkeiten finden und erweitern, oder, wie es in der kompetenztheoretisch verengten Bildungstheorie heute heißt, Kompetenzen entwickeln: persönliche, soziale, kulturelle, instrumentelle. Es gibt zahlreiche Beispiele, die die diese empowerment-Fähigkeit von Theater, Musik, Tanz, Malerei, Film, Literatur für Menschen mit Sucht- und Gewalterfahrung, in Diskriminierung, in Armut belegen, die Grenze zu therapeutischen Verfahren sind fließend. Aber ohne konkrete Hilfen in der wenig spektakulären, wenig eventrächtigen, scheinbar profanen, alltäglichen Lebensbewältigung bleiben die Angebote der Kulturarbeit bloße Episoden, die den mühsamen Kern der Armut, der Benachteiligung und des Kampfes um Anerkennung nur am Rande berührt.

Seiten: 1 2 3 4 5 6 7 8

Schlagworte: , , , , , , , , ,