Kulturelle Strategien und soziale Ausgrenzung

Kulturarbeit als Zweck

Dass Kulturarbeit zuallererst auch ein Zweck ist, ohne dass sie sich zum Mittel zu etwas anderem eignen muss als zur symbolisch-künstlerischen Ausdruckstätigkeit selbst, sollte nicht aus dem Blick geraten. Es gilt daher, sich gut zu überlegen, in welchen Rahmen von Funktionserwartungen und Funktionszuschreibungen man sie einspannen möchte und ob es ihren Möglichkeiten angemessen ist. Kulturarbeit als Zweck bedeutet: sie findet ihren Sinn in der ästhetischen Gestaltung jener Ausdruckstätigkeiten selber. Der Tanz, die Musik, die Sprache, das Bild finden, und sei ihre Absicht noch so krass, kritisch, provozierend, ihren Zweck in dem Augenblick, in dem sie gesehen, gehört, gedeutet, gespürt, gefühlt werden, und zwar in der Eigenlogik der ästhetischen Gestalt. Obwohl niemals ein Ort außerhalb des sozialen Lebens,  so  steht sie doch für sich, als legitimer oder illegitimer Ausdruck der menschlichen Evolution. Ob sie Exklusions- oder Inklusionseffekte hat, ist dabei nachrangig; sonst könnte man kulturellen Leistungen, die nur von Wenigen verstanden werden, schon deshalb die Anerkennung versagen, weil sie die symbolische Exklusion von Mehrheiten bedeuten. Kein Samuel Beckett, kein Paul Celan wäre möglich, folgte die Kulturarbeit dem Verständnisvermögen der Uninteressierten oder Literaturabstinenten. Bereits in der Arbeit an einer Inszenierung eines Tanztheaters lassen sich Verlaufsformen von Individualisierung und Vergemeinschaftung erkennen, die sich aus der Prozess- und Produktlogik ästhetischer Gestaltung ergeben, die sich in tausenden von kommunikativen Zeichen, von Übungen und Korrekturen, von psychischen Verläufen und dem Zuwachs an Können und vielleicht Urteilskraft konkretisiert. Ob, sagen wir, Südafrikaner, ob Ire, Deutscher, ob Palästinenser, ob Jude, Moslem, Hindu oder Atheist, ob mit oder ohne Migrationshintergrund – für Kulturarbeit als Zweck zählt die inklusive Kraft der gestalteten Form, und die steht für Differenzthematisierung, Differenzerfahrung, Differenzüberschreitung.

Kulturarbeit als Zweck für sich selbst zu fassen, heißt aber nicht, sie lediglich als Selbstzweck, Selbstgenügsamkeit, als l’art pour l’art zu begreifen. Vielmehr arrangiert sie Raum, Zeit, Personal, Ideen, Dinge und Sachen für eine Ausdruckstätigkeit eigener Art, die nicht auch noch dadurch legitimiert werden braucht, dass sie Funktionsnachweise für Bildung, Wirtschaft, Soziales, Rechtliches etc. vorlegt. Zugleich ist zu bedenken, dass Kulturarbeit teils intendierte, teils nicht-intendierte Effekte hervorbringt, die nicht in erster Linie auf der Ebene symbolisch-praktischer Ausdruckstätigkeit liegen, sondern auf der Ebene sozialer Kommunikation, psychosozialer Anerkennung bzw. Rivalität und Konflikt, also auf der Ebene von Persönlichkeitsbildung und Vergemeinschaftung. Aber auf dieser Ebene ist dies von sekundärer Bedeutung.

Zwar stehen Gegenstände ästhetischer Gestaltung niemals außerhalb des sozialen Lebens, aber sie verfolgen auch nicht immer integrierend-inklusive oder moralisch gemeinsam geteilte Ziele, im Gegenteil: ihre Aufgabe besteht in Offenlegung und im Aufeinanderzuführen von Differenz, in der Verteidigung von Minderheiten, in der Anzettelung von Kontroversen, kurz: im Anspruch auf Nicht-Zugehörigkeit, Nicht-Vergemeinschaftung, auf Individualität, Abweichung, Exzentrik, Rätselhaftigkeit. Dass dies nicht konfliktlos und sofort inkludierende Wirkung zeigt, liegt auf der Hand. Oft genug kann sie jene integrativen Ziele auch gar nicht erreichen, etwa, wenn das Publikum von ihren Anstrengungen nicht überzeugt ist. Mehr noch: Kulturarbeit kann sich sogar zweckrationalen Erwartungen entziehen und kann erst, indem sie das Denken, nützlich für etwas anderes als für sich selbst sein zu sollen, überschreitet, ihr provokantes Potential entfalten. Sie macht sich dann unabhängig von Einzelinteressen und kann erst so deren – manchmal integrierendes, manchmal ausgrenzendes, auch tragisches – Aufeinandertreffen zeigen. Kulturarbeit hält dann den Zugang zu einer Dimension offen, für die der ökonomisch und utilitaristisch enggeführte Verstand des bourgois entweder kein oder ein nur verkümmertes Wahrnehmungsorgan hat, um ihn an die soziale Verantwortungspflicht des citoyen zu erinnern. Dies in der Hoffnung, er möge zu einer Vernunft gelangen, die dem Leben mehr abverlangt, als kleinkariert über die Runden zu kommen. Kulturarbeit ist dann Ausübung von Ungehorsam – gegen die Erwartung, politisch gewollte strukturelle Ungleichheit in Wirtschaft, Bildung, Infrastruktur mit symbolisch aufgeladenen „kulturellen“ Begegnungsevents zu übertünchen.

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