Kulturelle Strategien und soziale Ausgrenzung

Erinnern, Gestalten, Artikulieren: Leistungen der Kulturarbeit

Kulturarbeit kann dazu beitragen, die Kluft zwischen dem Inklusionsanspruch von Menschen und der Wirklichkeit von Exklusionserfahrung überhaupt wahrzunehmen, Exklusion zu dokumentieren, ja wieder und wieder an sie zu erinnern. Einem solchen Inhalt eine Form zu geben, Menschen in den Prozess der Gestaltung einzubeziehen, ist dann Zweck von Kulturarbeit. Die Entscheidung, Exklusionserfahrung und Inklusionserwartung zum Thema zu machen, kann, aber sie muss nicht dem Formsinn selbst entspringen. Vielmehr kann sie wirtschaftlichen, politischen, biographischen Interessen folgen: dann werden bildende und darstellende Kunst zum Mittel im Gefüge von Macht und Gegenmacht, so, wie dies sei Jahrtausenden üblich ist. Das Mittel Kulturarbeit übernimmt dann die Aufgabe, für etwas anderes als für Formgebung zuständig zu sein, also beispielsweise auf soziale Ungerechtigkeit aufmerksam zu machen, Krisen und Möglichkeiten der Gestaltung besserer Verhältnisse imaginär durchzuspielen, auch praktische Teilhabe anzubieten, zu unterstützen, zu fördern,

schließlich zur Selbstorganisation und Eigentätigkeit ihrer Adressaten zu ermutigen, sie zu begleiten und so zu einer Vitalisierung und Dynamisierung von Öffentlichkeit beizutragen. Historisch gesehen bildet sich dies  in der mal stärkeren, mal schwächeren Bindung von Kultur an Politik ab, sie kann auch die Aufgabe übernehmen, einzuschüchtern, Macht zu demonstrieren, zurückzuweisen, abzulenken, herabzuwürdigen.

In diesem Gefüge kann sie die  Öffentlichkeit mit kritisch-phantasievollem Blick über ihre eigenen, dann auch ins Private reichende Praktiken ins Bild setzen, Kontroversen, Konflikte, Risse und Verbindungen zu zeigen, ja sogar der individuellen Lebensführung Momente der Selbsterweiterung und des Unterstützt Werdens zu verschaffen. Insgesamt gilt es aber  – sei es stellvertretend, sei es in eigenem Namen – eine Sprache  sprechen, sei es eine klare, sei es eine rätselvolle Sprache des Zeichens, der Musik, des Tanzes, des Malens, Schreibens, Visualisierens, so eine Zumutung zu schaffen, in der das Offensichtliche verblüfft, das Selbstverständliche fremd, und Verdecktes sichtbar wird. Im Kern schafft Kulturarbeit dann eine Arena, in der die Differenz zwischen einzelnen Identitäten aufeinandertreffen, ohne sich vom Alleinvertretungsanspruch einer einzigen Position einschüchtern zu lassen: Vielfalt der Stimmen. Auch hier hat sie die Wahl: folgt sie gesellschaftlichen Trends, versteht sie sich reaktiv-korrigierend oder löst sie sich von ihnen und verweist utopisch-überschießend, ja in bewusster Abwendung von Aktualität darüber hinaus? In beidem geht sie das Risiko ein, Desintegration und Exklusion zu stärken, weil ihre Inhalte nicht per se vergemeinschaften und inkludieren, sondern überraschen, konfrontieren, provozieren, Einsamkeit erhöhen können.

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