Kulturelle Strategien und soziale Ausgrenzung

Effektivität, Effizienz und die Einsicht  der notwendigen Unschärfe

Dies also – und noch mehr – kann Kulturarbeit leisten. Aber ob sie es wirklich leistet, wird sich nicht mit der gleichen Leichtigkeit beantworten lassen. Warum? Kulturarbeit verfügt über viele Formen der Vergewisserung darüber, welche Wirkung ihre Angebote hat – denn es handelt sich um Angebote, also meist um ein auf freiwillige Entscheidungen der Teilöffentlichkeiten setzendes Handeln, das – auch wenn es zur Pflicht wird, etwa in der Schule – jene Voraussetzung nicht überspringen kann, an die jede Bildungsabsicht geknüpft ist: um das eigenständige Interesse der Umworbenen zu werben, es zu wecken, wenn nicht gar anhaltend zu mobilisieren. Zu solchen Formen der Wirkungsfeststellung gehört die Selbstvergewisserung der Kulturschaffenden, ob ihre Projekte ihr Ziel tatsächlich erreicht haben. Zu den Rückmeldungen, die sie sich selbst von ihren sogenannten Zielgruppen beschaffen, zählt die Fremdevaluation. Zu ihren Spielarten gehört die einfache quantitative Zählung von Besuchern, im Fernsehen sind es die Einschaltquoten, im Internet die Mausklicks auf eine Seite; es gehören auch die Beobachtung von Verkaufszahlen und Themenkonjunkturen dazu, die Frage, mit welchem „impact“ sich Moden, Strömungen und Trends durchsetzen, die in erheblichem Maße von der Kulturindustrie bis ins Kleinste konstruiert werden, bis hin zu aufwändigen biographischen Rekonstruktionen, welche lebensgeschichtliche Rolle denn nun Theaterstücke, Filme oder musikalische Aktivitäten  für Produzenten und Rezipienten gespielt haben. Es ist jedoch erkennbar, dass nachhaltige, langfristige wissenschaftliche Untersuchungen zur Rolle der Kulturarbeit bei der Bewältigung von Exklusions- und Inklusionsprozessen nur in Ausnahmefällen vorliegen, also aus wissenschaftlicher Sicht die Effektivitäts- und Effizienzfrage von Kulturarbeit nicht generell zu beantworten ist. Das könnte nachgeholt werden, indessen lässt sich Kulturarbeit ohne ein begründetes Bekenntnis zur notwendigen Unschärfe in dieser Frage nicht machen. Denn Kulturarbeit ist immer auch ein Risiko, das, wie Kulturschaffende erfahren – denken wir an nicht verkaufte Bücher, Filme, Gemälde, Statuen – mit einer einzigen Variable zusammenhängt: mit dem Eigensinn der Adressaten und ihrer störrisch-kostbaren Willensbildung. Diese auf Berechenbarkeit festzurren zu wollen, geht an der Ethik kultureller Arbeit vorbei, die nicht am manipulierten, sondern am urteilsfähigen Subjekt orientiert ist. Kulturelle Bildung auf Wissens- und Kompetenzerwerb zu reduzieren, weil so Messbarkeit möglich wird, verfehlt ihren Gehalt. Oder wollte man die „Wirkung“ eines Goethe-Gedichts dadurch feststellen, ob es die Leser fehlerlos aufsagen können? Was sie ihm noch behalten haben? Ob es sie berührt und wenn nicht, wäre es dann ohne Wirkung?

Seiten: 1 2 3 4 5 6 7 8

Schlagworte: , , , , , , , , ,