Kulturelle Strategien und soziale Ausgrenzung

Kulturarbeit als „kulturelle Strategie“

Kulturarbeit alskulturelle Strategie“ rechnet mit Wirkungen, ohne sie mit Gewissheit erzeugen zu können. Kulturarbeit lässt sich nicht auf ein einziges Prinzip festlegen. Sie ist weder generell darauf angelegt, soziale Ausgrenzung zu vermeiden oder zu verringern, noch darauf, soziale Ausgrenzung zu erzeugen und zu festigen.  Theater, Film, Musik, Literatur, Tanz können Vergemeinschaftung hervorrufen, festigen, können Gemeinschaften aber auch destabilisieren und desintegrieren – und mitunter arbeiten sie entschieden gegen Vergemeinschaftungs- und Inklusionsformen an, die sie für fragwürdig halten. Mit anderen Worten: es hängt von ihren konkreten Gehalten  und vom historischen und sozialen Kontext von Kulturarbeit ab, welchen Stellenwert sie im Zusammenhang von sozialer Ausgrenzung einnimmt, manchmal sogar entgegen der Absichten ihrer Urheber und Initiatoren. Denn Kulturarbeit ist auf eine Korrespondenz zwischen Produzent und Rezipient angelegt. Wenn sie verstanden werden, gar bildende Wirkung anstreben soll, bedarf es der Herstellung von Ähnlichkeit und Differenz zwischen dem Bildungskapital der Sender und der Empfänger. Mit anderen Worten: Kulturarbeit tendiert selbst dazu, Inklusion auf Zeit zu erzeugen, aber auch Exklusion derjenigen, die mit ihrer Formensprache, ihren Absichten nichts anfangen können oder wollen. Diese Erzeugung von Differenz ist kein Skandal, sondern eine klassische Aufgabe, ja eine Herausforderung von Kulturarbeit. Damit Teilhaberechte in Handeln umgesetzt werden können, benötigen die Betroffenen individuell erworbene Kompetenzen, die sich in außerschulischen und schulischen Bildungserfahrungen entwickeln. Denn darin besteht die Wechselwirkung: Bildung ist Voraussetzung für die Erfahrung von Kultur und Kultur bietet Entwicklungsmilieus für Bildung. Verfehlt wäre eine Strategie der Verflachung kultureller Inhalte zugunsten einer Umschichtung auf Breitengeschmack, die scheinbar höhere Inklusionschancen verspricht. Soziokultur verlöre ihren kritisch-herausfordernden Kern, geriete gar mit kurzatmigen Inklusionsabsichten zur Anbiederung an medial vorgeprägte Unterhaltungserwartungen und Geschmacksinteressen, die von den einschlägigen Sparten der Kulturindustrie längst viel umfassender bedient werden. Soziale Kulturarbeit ist nicht Populismus.

Prof. Dr. Rainer Treptow lehrt Erziehungswissenschaft an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen. Zahlreiche Veröffentlichungen über Jugendarbeit, Kulturarbeit, Kulturelle Bildung und Internationalität der Sozialen Arbeit.

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