Nachgefragt: Bitte keine Beglückung

Noch einmal Pius Knüsel. Bei Shortcut Europe beschäftigte sich der Direktor der Schweizer Pro Helvetia mit den Themen Illusion und konkrete Utopie. Diesmal spricht er sich im Interview über die Besetzung von Gremien, Fragen des Geldes und individuelle Potentiale.

Warum hat Volker Lösch mit seinem sozialkritischen Theater derzeit so viel Erfolg?

Er setzt das Theater als Brücke zwischen Establishment und Eliten einerseits und den Benachteiligten der Gesellschaft andererseits ein. Damit weckt er die alten Träume eines sozialengagierten Theaters und einer kritischen Kunst, die sich gegen das Bürgertum richtet und damit gegen ihren eigenen bürgerlichen Background ankämpft. Das Faszinosum seiner Inszenierungen macht außerdem aus, dass sie in einem Kontext passieren, der eine solche Thematik zwar zulässt, aber tendenziell eher draußen hält. Das macht sie spektakulär und zieht auch diejenigen an, die angegriffen sind.

Dieses Herangehen an die Stoffe ist vergleichsweise selten.

Wenn alle auf der Bühne mit Strafgefangenen, Alten oder Hartz IV-Empfängern arbeiten würden, wäre es das Normalste der Welt. Der Star wäre dann der, der etwas anderes machen würde. Im Kulturbetrieb funktioniert der Künstler durch Differenzierung. Wenn man sein eigenes unverwechselbares Produkt erzeugen kann, wird der eigene Name zur Marke. Das Branding macht einen Teil des Erfolgs aus. Volker Lösch sieht das durchaus.

Kunst/Kultur lebt von ihrer Vielfalt/Diversity/Pluralität. Frage, ob das System immer genug Toleranz für die notwendige Bandbreite aufbringt.

Die Pluralität der kulturellen/künstlerischen Produktion, auch der staatlich geförderten, ist aus meiner Sicht zentral. Zugleich muss man immer wieder betonen, dass es auch eine kulturelle und künstlerische Produktion außerhalb der staatlichen Förderung gibt – das wird gerne vergessen. Das System selbst hat eine verengende Tendenz, gerade weil es systemisch organisiert ist. Es verdrängt das Chaos, die eigentliche Quelle des Neuen. Die Profiteure wollen andere nicht profitieren lassen.

Wer bestimmt bei der staatlichen Förderung über Pluralität?

Natürlich die entsprechenden Gremien, die ganz wohlmeinend Vielfalt verwalten. Die Gremienvertreter in der Schweiz sind typische Helvetier, im Land geboren, im Land kultiviert. Leute, die kulturelle Diversität repräsentieren, sind in den Gremien gar nicht vertreten. In Deutschland dürfte das ähnlich sein. Es bräuchte ganz anders zusammengesetzte Entscheidplattformen, man müsste die unterschiedlichen Gruppen in der Gesellschaft mit an den Tisch holen und sie an der Macht teilhaben lassen. Diese Partizipation rührt freilich ans Wesen der Macht, die ausschließend ist. Diese Vision geht über die gelegentliche Einbindung der sog. kulturfernen Schichten am Bühnengeschehen weit hinaus. Ein sozialkritisches Stück, wie Lösch es gestaltet, ist vielleicht gut für die beteiligten Individuen, aber bewirkt sicherlich keine dauerhafte Änderung der Strukturen. Pluralität sollte schon da beginnen, wo über Ressourcen und Produktionssysteme entschieden wird.

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