Nachgefragt: Bitte keine Beglückung

Kassenkrise

Das Stichwort Ressourcen führt heutzutage zwangsläufig zur Krise der öffentlichen Haushalte.

Ich glaube nicht, dass sich der staatlich gestützte Sektor noch ausdehnen wird. Ich wüsste nicht, woher das Geld käme. Man kann immer, wie es jetzt einige Theaterintendanten tun, gerade in der Krise mehr Geld für die Kultur fordern. Aber Forderungen sind schnell gesagt; sie wirken entlastend. Wenn man dabei von den sogenannten sozial positiven Effekten der Kultur spricht, könnte man auch über die Integrationskraft des Sportes reden, wie der den Leuten Selbstvertrauen gibt und wie man dabei lernt, sich als soziales Wesen zu verstehen. Manchmal macht Sport es sogar billiger als Kunst und Kultur.

Für Vielfalt wären eher Aktivitäten außerhalb der staatlichen Strukturen verantwortlich?

Ja, die Vielfalt erzeugt sich ohne Förderung. Der Staat muss nur ausgleichend eingreifen, damit Vielfalt sich darstellen kann. Dazu plädiere ich für eine Stärkung des kulturellen Unternehmertums. Man muss Menschen so fördern, dass sie sich am Kulturmarkt behaupten können. Das bedeutet, es müssen Produkte her, die sich auch verkaufen lassen. Auch das ist leicht gesagt, aber wenn man das ernst meint, bedeutet es, das übliche Gerede von Hochkultur über Bord zu werfen und die Habilitierung des kulturellen Unternehmers zu betreiben, der Diversität produziert und bei Erfolg auch davon leben kann. Ich glaube, dass die kontrollierende Hand des Staates beim Thema Vielfalt versagt. Sie reduziert alles auf ein administrativ bewältigbares Mittelmass.

In der Diskussion wird gerade der Kulturindustrie vorgeworfen, sie produziere Einfalt statt Vielfalt.

Diskutieren wir das am Beispiel der USA. Sie können als Modell für einen dynamischen kreativen Sektor dienen. Die amerikanische Kulturindustrie produziert globale Bilder und Geschichten, die tatsächlich unsere Träume bestimmen. In Europa wird dieses „Modell Pop-Kultur“ wenn nicht gehasst, so doch eindeutig deklassiert. Das sei Kommerz, falsches Bewusstsein, Manipulation und so weiter, schlicht: des Teufels. Wenn man genauer hinguckt, stellt man allerdings fest, dass drüben doppelt soviel in die Kunsthochschulen investiert wird wie in Europa. Dabei entstehen extrem große Konglomerate, in denen tausende von kreativen Kräften arbeiten, es entsteht eine ungeheure Dichte von Produkten, die durch ein klassisches Selektionssystem gehen. Und es gibt einen ununterbrochenen Austausch mit der Kulturindustrie. Dabei entsteht ein Sog nach oben, der eine ebenso große Mobilisierungs- wie Integrationskraft hat. An den amerikanischen Kunst-Universitäten lebt und erlebt man eine kulturelle Vielfalt, die es in Europa nur sehr viel separierter gibt.

Was folgt denn daraus?

Dem Bürger mehr zumuten. Ich weiß nicht, wo in der deutschen oder schweizerischen Gesellschaft die Exklusion wirklich ansetzt. Es gibt viele Möglichkeiten, deutscher oder Schweizer Bürger zu sein, ohne ins Theater zu gehen. Jeder Mensch wird in eine Kultur geboren, er muss auch mit Brüchen fertig werden, denn keine Kultur kommt ohne Brüche aus. Die Menschen haben aber die Kapazität, das auszuhalten und sich auch in neue Umfelder einzuleben. Über kurz oder lang werden auch die sogenannten Parallelgesellschaften beginnen, sich zu organisieren und ihre eigene kulturelle Kraft entwickeln. Vielleicht bin ich ein bisschen darwinistischer eingestellt als andere. Ich würde mir verbeten, dass alle zwei Jahre ein Culture Scout an meiner Tür klingelt und fragt, wie geht’s Ihnen, welches sind Ihre Probleme, kann ich Ihnen helfen? Ich glaube, in einer modernen offenen Gesellschaft muss man auch an jeden appellieren, sich selbst zu kümmern.

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