Nachgefragt: Bitte keine Beglückung

Aufgaben der Soziokultur

Welche Aufgabe hätte denn dabei die Soziokultur?

Die soziokulturellen Zentren wären für mich so etwas wie erste Durchlauferhitzer oder eine Art Hinführung zu einer kulturellen Selbstfindung der Menschen. Ich würde das unter „Angebot“ setzen und mit dem Ziel kulturelle Freiheit verbinden, nicht mit dem Anschluss an eine wie auch immer definierte Leitkultur.

Bleibt trotzdem die Frage, was darunter zu verstehen ist.

Mehr als nur die Entdeckung der eigenen kritischen Kompetenz vis-à-vis den Machtstrukturen der Gesellschaft. Die Kompetenz muss darüber hinaus gehen. Dazu sollte die Fähigkeit gehören, sich selbst und andere als Unternehmer eines Projektes zu sehen. Ich muss fragen, wie ich die Grundlage für eine produktive Existenz legen kann. Produktiv sein muss man nicht nur intellektuell, sondern auch ökonomisch. Das wäre für mich das wichtigste Ziel. Im subventionierten System hat es einfach zu wenig Platz. Und ich glaube, für das Selbstbewusstsein ist es wenig förderlich.

Ist damit die Vorstellung von sozialem Aufstiegs verbunden, der Aufsteiger als Sozialtypus, der anzustreben wäre?

Genau. Deshalb zitiere ich die Vereinigten Staaten. Das einzige und verbindliche Modell ist dort das Versprechen auf die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs. Es ist als universelles Modell für alle anschlussfähig. Natürlich kommen nicht alle hoch, die große Mehrheit bleibt schon in der ersten oder zweiten Etage hängen, aber das ist eine Regel, auf die sie sich alle einlassen. Ein bisschen vulgär-psychologisch formuliert: für viele Menschen ist das Phänomen, überhaupt aufsteigen zu können, ein ganz wesentlicher Akt der Selbstbefreiung. Hier in Europa haben wir ein Bürger-Modell, an dem man sich abarbeitet, das Bild eines selbstbewussten, kritischen Bürgers, der sich nicht über den Tisch ziehen lässt und wo alle etwa gleich stark oder schwach sind. Das ist ok, aber das befähigt ihn noch nicht zum Leben. In der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung findet sich der Satz vom „pursuit of happiness“ – jeder soll nach Glück streben dürfen. Das heißt erstens, dass Glück ein Staatsziel ist und zweitens, dass es eine individuelle Verantwortung für Glück gibt. Das finde ich auch nach 250 Jahren noch wegweisend.

Welche Strukturen sind denn – kultur- wie bildungspolitisch – notwendig, um den Einstieg in den Aufstieg zu unterstützen?

In der Schweiz gibt es Technikparks, in denen junge oder eben gegründete technologische Unternehmen sich fünf Jahre lang entwickeln können, sie werden gecoacht und beraten. Ich frage mich schon lange, warum gibt es das nicht für die Kultur. Vielleicht würde nur jede dritte Firma überleben. Aber wenn einer, der ursprünglich einen Verlag gründen oder ein Computerspiel programmieren wollte, schließlich einen Pizza-Service daraus macht, ist das auch nicht weiter schlimm. Es können nicht alle Grafikdesigner werden, da reicht die Nachfrage einfach nicht.

Das wäre eine Form der Inklusion

Inklusion heißt, zuletzt eine nützliche Rolle in der Gesellschaft zu finden. Ob in der Kultur oder in der Gastronomie, ist einerlei. Für viele wandelt sich im Laufe der Zeit ihre Orientierung auf kulturell-künstlerische Ziele mit der Erkenntnis, dass man andere Potentiale hat.

Pius Knüsel ist Direktor der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia. Die Stiftung hat einen vierfachen Auftrag: die Erhaltung und Wahrung der kulturellen Eigenart der Schweiz unter besonderer Berücksichtigung der Volkskultur; Förderung des kulturellen Schaffens, gestützt auf die Verhältnisse in den Kantonen sowie in den Sprachgebieten und den Kulturkreisen; die Förderung des Kulturaustausches zwischen den Sprachgebieten und den Kulturkreisen der Schweiz; und die Pflege der kulturellen Beziehungen mit dem Ausland. Mehr hier

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